©: Sebastian Thiel

Es ist ein verborgenes Juwel am Malerweg und eines der erstaunlichsten Museen in der Sächsischen Schweiz: Das Wohn- und Atelierhaus des sächsischen Impressionisten Robert Sterl (1867 – 1932) in Naundorf bei Struppen. Mit authentischem Interieur, zahlreichen Originalen und einem romantischen Garten entführt es in die Lebenswelt eines Malers des frühen 20. Jahrhunderts. Robert Sterl und seine Frau Helene hatten hier ein Refugium gefunden, einen Ort des Friedens und der Inspiration. Und bis heute ist er das geblieben. Wir haben ihn besucht.

Ein großer Strauß Gartenblumen steht auf dem Beistelltisch neben dem Sofa. Alles wirkt gepflegt und wohnlich – stilvoll, kultiviert aber nicht prätentiös. Das Haus eines Kunstprofessors. Die Kerzen auf der Kommode sehen aus, als hätten sie gestern Abend noch gebrannt. Doch Robert und Helene Sterl haben schon lange nicht mehr in ihrem gemütlichen Wohnzimmer mit Blick ins Grüne gesessen.

Robert Sterl ist bereits 1932 von Krankheit gezeichnet gestorben. Seine geliebte Ehefrau folgte ihm 18 Jahre später. Ein Jahr vor seinem Tod legten beide in einem gemeinsamen Testament fest, dass ihr Eigentum in eine Stiftung übergehen und ihr Haus mittellosen Kunststudenten als Ort zum Arbeiten zur Verfügung gestellt werden soll. So blieb ein einzigartiges Kleinod für die Nachwelt erhalten: ein Künstlerwohnhaus des frühen 20. Jahrhunderts mit allem Interieur, kompletter Bibliothek, Kunstwerken, Erinnerungsstücken und einem zauberhaften Garten.

„Mindestens ein Viertel der Besucher sagen: ‚Ach, wir wussten gar nicht, dass es hier so etwas gibt‘“, verrät uns Museumsleiterin Juliane Gatomski. Robert Sterl sei oft gänzlich unbekannt. Viele kommen beim Wandern auf dem Malerweg eher zufällig hier vorbei oder holen sich den Stempel für den Wanderpass ab. Es gibt aber auch echte Fans. „Manche Robert-Sterl-Kenner nehmen weite Reisen auf sich, um hier zu sein. Einige kommen immer wieder.“

Der große Unbekannte

Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen Max Slevogt, Lovis Corinth oder Max Liebermann – ganz zu schweigen von den französischen Impressionisten – ist Robert Sterl wenig bekannt. Das ist erstaunlich. Immerhin hat er ein eindrucksvolles und umfangreiches Werk hinterlassen. Horst Zimmermann, Gründungsdirektor der Kunsthalle Rostock, hat in den 1970er Jahren für sein Werksverzeichnis mehrere Jahre geforscht und in Sammlungen und Museen mehr als 1.000 Gemälde und Ölstudien Sterls ausfindig gemacht. Im Depot des Robert-Sterl-Hauses liegen außerdem mehr als 2.000 Zeichnungen, 100 Skizzenbücher, 140 Druckgrafiken und 2.000 Briefe.

In einer Kunstgalerie auf Staffeleien ausgestellte Gemälde, darunter ein Porträt eines Mannes im Vordergrund, umgeben von verschiedenen gerahmten Kunstwerken an den Wänden eines gut beleuchteten Raums.©: Sebastian Thiel

Max Liebermann schrieb über Sterl, er sei ein „wahrhaftiger Künstler“ und „Seine Bilder sind gesehen, erschaut und erlebt.“ Außerdem war Sterl nicht nur Professor an der Königlichen Akademie der bildenden Künste zu Dresden, Mitglied der einflussreichen Künstlergruppe „Die Zunft“, sondern seinerzeit auch der gefragteste Porträtist in der High-Society der Stadt. Vielleicht war es die Bescheidenheit des Malers, den der deutsche Kunsthistoriker Will Grohmann als „zurückgezogen, fast scheu“ beschreibt, der einen größeren Rummel um seine Person verhinderte.

Steinbrecher waren sein Lebensthema

Juliane Gatomski führt uns weiter durch das Haus, am kleinen Wohnzimmer vorbei, in dem Helene Sterl in ihren letzten Jahren gern gesessen und gelesen hat, den Ateliergang hinunter bis ins Atelier. Auf Staffeleien und an den Wänden hängen und stehen dutzende Ölgemälde dicht an dicht. Darunter immer wieder Steinbrecherbilder. Die schwere und gefährliche Arbeit in den Sandsteinbrüchen in der Sächsischen Schweiz hat ihn fasziniert. Sie wurde sein wichtigstes Thema. Vielleicht lag es daran, dass sein Vater, ein Steinmetz, früh an der Staublunge, einer typischen Steinbrecherkrankheit, gestorben war. Mehr als 100 Ölbilder und unzählige Zeichnungen widmete er diesem Sujet.

Am Bild „Die Steineklopferin“ aus dem Jahr 1907 bleiben wir stehen. Es zeigt eine Frau, die kniend, ohne Schuhe, in der prallen Mittagssonne mit einem Hammer Steine zerkleinert. „Die Frau hat er gesehen und sofort in sein Skizzenbuch eingezeichnet“, sagt Juliane Gatomski. Sie macht uns auf ein Detail aufmerksam. Neben der Arbeiterin im Schatten liegt ein Kind. „Kinderbetreuung gab es nicht. Alt und Jung mussten mithelfen. Das scheint ihn bewegt zu haben. So ist dieses Bild entstanden.“

Doch egal ob er Musiker, Dirigenten, Adlige und wohlhabende Bürger malte oder einfache Bauern, Schiffstreidler, Töpfer, Schäfer und Lastenträger: Sterls Bilder zeigen stets eine große Empathie für sein Subjekt. Und zeitlebens lag ihm, der trotz ärmlicher Herkunft bereits als 14-Jähriger in die Kunstakademie eingetreten war, die Förderung des Nachwuchses am Herzen.

In seinem letzten Brief an einen Freund schreibt Robert Sterl: „Große Gedanken und ein reines Herz sind alles, was wir von Gott erbitten sollten. Auf diese Form habe ich auch mein Leben immer gebracht. Dazu seit 1904 ein herrliches Arbeitsleben mit meinen Bildern – und das Schönste, talentvoller Jugend fördernd etwas sein zu können.“

Ein Grabstein mit der Inschrift „Robert Sterl“, umgeben von üppigem Grün und Bäumen. Auf dem Grabstein steht ein runder Blumenkübel mit roten Blumen.©: Sebastian Thiel

Unser Besuch im Hause Sterl endet in einem abgelegenen Winkel seines Gartens. Versteckt zwischen Rhododendron-Büschen finden wir die Grabstätte der Eheleute. Ein schlichter Quader markiert den Ort ihrer letzten Ruhe, geschaffen aus dem Material, das in Sterls Leben und Werk stets einen Ehrenplatz hatte: Sandstein. ■

Robert-Sterl-Haus

Robert-Sterl-Straße 30
01796 Struppen OT Naundorf

Aktuelle Sonderausstellung 01.08.-18.10.2026

Unverfälscht – Robert Sterl in der Böhmischen Schweiz

In diesem Jahr feiert der Malerweg Elbsandsteingebirge 20 Geburtstag – sein Vorbild, eine historische Route, führte einst bis in die Böhmische Schweiz über den Grenzort Hřensko (Herrnskretschen) zum Prebischtor. Das Jubiläum ist der Anlass, in einer Sonderausstellung den Spuren Robert Sterls (1867-1932) in jener Landschaft zu folgen.


Öffnungszeiten
Mai bis Oktober: Donnerstag – Sonntag, 9:30 – 17:00 Uhr
November bis April: Donnerstag u. Samstag, 10:00 – 16:00 Uhr

Führungen nach Absprache auch außerhalb der Öffnungszeiten.

Text: Sebastian Thiel

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