Eigentlich sind sie Dachdecker, Feuerwehrmann und Straßenbahnfahrer. Doch wenn der Pieper piept, seilen sie sich von Felskanten ab oder fliegen im Helikopter mit. Das Team der Bergwacht in der Sächsischen Schweiz helfen Wanderern und Kletterern aus misslicher Lage – und oft retten sie Leben. Ehrenamtlich.
Schon von weitem erkennen wir die großen Geländewagen mit dem orangeroten Streifen und die markanten rot-blauen Uniformen. Am Fuße des Gohrisch an der Papstdorfer Kirche erleben wir einen seltenen Anblick: Mehr als 15 Bergretter der Bergwacht Bad Schandau haben sich an diesem sonnigen Augusttag hier versammelt. Fototermin für das Urlaubsmagazin. Noch kurz zuvor waren einige von ihnen im Einsatz. In Liebethal ist ein Kletterer abgestürzt, in den Affensteinen eine Wanderin. Jetzt ist Zeit zum Verschnaufen – und alte Geschichten aufwärmen.


Bergrettung beginnt in der Sächsischen Schweiz.
„Einmal ist eine ältere Dame bei einem Abendspaziergang in eine Felsspalte gerutscht. Um keine Umstände zu machen, verbrachte sie die ganze Nacht in der brenzligen Situation und wählte erst am nächsten Morgen den Notruf“, erzählt Michael Grötzschel. Seine Jacke ziert ein rundes Abzeichen: rotes Kreuz vor weißer Edelweißblüte. Es ist das traditionelle Signet der meisten deutschen Bergwachten. Anders als es die alpine Symbolik vermuten lässt, nimmt die Bergrettung nicht in den Alpen ihren Anfang. Sie beginnt genau hier: vor mehr als 100 Jahren in der Sächsischen Schweiz.
Die Sächsische Schweiz ist eines der ältesten Klettergebiete der Erde. Schon um die Jahrhundertwende gibt es eine sehr aktive Kletterszene in der Region. Unfälle bleiben nicht aus. Im Jahr 1912 gründet sich innerhalb des Sächsischen Bergsteigerbundes eine Samariter-Abteilung. Es ist der erste organisierte Gebirgssanitätsdienst in Deutschland. Seine Nachfolger sind die Bergwachten in Bad Schandau, Pirna und Sebnitz, die heute zum Kreisverband Sebnitz des Deutschen Roten Kreuzes zählen. Im Sommer unterstützen außerdem die sogenannten „felsfernen“ Bergwachten aus Dresden, Meißen, Bautzen und Großenhain.
Typisch Bergwacht: Der Pieper ruft aus dem Alltag ins Abenteuer.
Bergrettung ist Ehrensache. Im Hauptberuf ist Michael Grötzschel, ein studierter Ingenieur, Kalibrierstellenleiter in Dresden. Schon seit 30 Jahren lebt er das Doppelleben als Bergretter. Seine 54 Kollegen bei der Bergwacht Bad Schandau, von denen 26 aktive Retter sind, kommen aus den unterschiedlichsten Professionen: Ă„rzte, Sanitär- und Heizungstechniker – sogar ein BĂĽrgermeister ist dabei. Hinzu kommen acht Anwärter – eine Ă„rztin, zwei Feuerwehrleute, ein Höhenretter, eine Notfallsanitäterin, ein Azubi und zwei SchĂĽlerinnen der zehnten Klasse. Die Truppe ist bunt gemischt. Was sie teilen, ist ihre Leidenschaft fĂĽr das Gebirge.


Der Pieper ruft sie aus dem Alltag ins Abenteuer. Dann finden sie sich je nach Einsatzort in einer von zwei Wachen ein, streifen sich ihre Uniform ĂĽber und fahren raus in die Berge. Dort angekommen, mĂĽssen sie Medizinrucksack, Luftrettungssack, Trage und Materialrucksack schleppen, Verletzte versorgen und abtransportieren sowie sich im Ernstfall von Felskanten abseilen oder vom Helikopter absetzen lassen.
„Es ist schön, mit Leuten zu klettern, denen man vertrauen kann“
„Am Anfang war ich noch aufgeregt, wenn der Pieper auf der Arbeit losging“, erinnert er sich, „doch irgendwann kommt die Routine“ sagt Michael Grötzschel. Er hat eine typische Bergretterkarriere hinter sich: Schon im Kindesalter geht er gern wandern und klettern. Irgendwann fängt er an, sich auch für medizinische Hilfeleistung zu interessieren. Der Grund: „Es ist schön, mit Leuten zu klettern, die sich mit Rettung auskennen – denen man vertrauen kann“, so der heute 46-Jährige. Die Bergwacht ist der nächste logische Schritt. Seine Ausbildung bei der Bergwacht Bad Schandau fängt Michael Grötzschel 1997 an, mit 18 Jahren. Seit Januar 2025 ist er dort Bergwachtleiter.
„Einen typischen Einsatz gibt es nie“
Nicht immer geht es um Leben und Tod. Viele Einsätze sind weniger dramatisch. Einmal, erinnert sich Michael Grötzschel, hätten Wanderer Wasser aus der Kirnitzsch getrunken, was ihnen nicht gut bekommen war. Ein Kamerad schildert, wie er ein anderes Mal zwei verirrte Frauen per Telefongespräch den Berg nach unten gelotst habe. Und einmal, so Grötzschel, habe sich ein Familienvater mit zwei Töchtern verlaufen. Den Notruf gewählt habe er erst, als es schon stockduster war. „Einen typischen Einsatz gibt es nie“, betont der Bergwachtleiter. Deshalb werten die Einsatzkräfte jede Rettung bei einer Nachbesprechung aus.
Insgesamt 141 Einsätze hatten die Bergretter im Jahr 2024. Davon sind 85 Unfälle beim Wandern passiert, 15 beim Klettern. Auch neun Personensuchen und – für die Retter besonders belastend – vier Leichenbergungen waren dabei. Die meisten Unglücke ereignen sich zwischen Frühjahr und Herbst. Doch selbst in den Wintermonaten gibt es Einsätze. „Wir haben eigentlich keine Ruhezeit“, stellt Grötzschel fest.
„Man muss mit offenen Augen laufen“
Ist die Sächsische Schweiz ein gefährliches Terrain? „Nein, man muss nur mit offenen Augen laufen“, beruhigt Michael Grötzschel. Er empfiehlt, sich vorher gut über die örtlichen Gegebenheiten zu informieren. „Durch Höhenunterschiede und die Felsstruktur ist Wandern in der Sächsischen Schweiz oft auch etwas Bergsteigen“, erklärt er, „die Schrammsteine, zum Beispiel, geht es nur über Stiegen rauf und runter“.
Fehleinschätzungen und Leichtsinn, so der 46-Jährige, seien besonders häufig die Ursache für Notfälle. Wer die Wege verlässt, riskiert, auf steilen Felsvorsprüngen stecken zu bleiben, wer ohne Karte geht, sich zu verirren. Andere überschätzen ihre Ausdauer oder ihre Fähigkeiten. An einigen Stellen in der Sächsischen Schweiz gibt es außerdem Zugänge zu Klettersteigen. Wer dort ohne entsprechendes Equipment hochsteigt, muss anschließend unter Umständen per Hubschrauber gerettet werden.
„Im Gedächtnis bleiben die Menschen, die wiederkommen“
Bergwächtler sein ist ein Knochenjob. Das wird uns im Gespräch mit dem Einsatzleiter klar. Doch er berichtet auch von schönen Seiten. Regelmäßig kommen Dankesbriefe von Geretteten in der Wache an. Eine Frau, die sich bei einer Wanderung schwer verletzte, bringt jedes Jahr einen Kuchen vorbei. Und einen jungen Mann, den die Bergwacht nach einem Absturz versorgte, trafen sie bei einer medizinischen Schulung als Fallbeispiel wieder. „Im Gedächtnis bleiben die Menschen, die wiederkommen und Danke sagen“, sagt Michael Grötzschel.
Die Sonne steht mittlerweile tief hinter dem Gohrisch. Wir verabschieden uns von dem Bergwachtleiter und seiner bunten Truppe. FĂĽr die meisten beginnt nach einem aufregenden Tag jetzt der Feierabend. Wir hoffen, sie nie rufen zu mĂĽssen. Aber es ist ein schönes GefĂĽhl, dass es sie gibt. Danke, dass ihr da seid! â–
Text: Sebastian Thiel Fotos: Marko Förster
Bergretter werden Aktuell hat die Bergwacht Bad Schandau acht Anwärter. Wer mitmachen will, muss Klettern, im Team arbeiten und sich in der Sächsischen Schweiz orientieren können. Für Einsätze im Winter ist außerdem Ski-Erfahrung gefragt. Alles weitere lernt der Nachwuchs in einer vierjährigen Ausbildung. Übungen und Schulungen finden einmal monatlich statt.
Tipps der Bergwacht zum sicheren Wandern
- Vorbereitung: Route passend zum eigenen Können wählen und sich über Länge, Anspruch und Dauer informieren.
- Informationen einholen: Bei Touristinformationen oder besetzten Bergwachtstationen Rathen und Bielatal nach Wegbeschaffenheit und Besonderheiten fragen.
- Zeitmanagement: Genug Zeit einplanen, um vor Einbruch der Dunkelheit zurückzukehren. Regelmäßige Pausen einplanen, um Überanstrengung zu vermeiden.
- AusrĂĽstung: Festes Schuhwerk und wettergerechte Kleidung tragen. Stirn- oder Taschenlampe sowie Erste-Hilfe-Set einpacken.
- Orientierung: Auf Wegweiser, Warn- und Verbotsschilder achten. Offline-Wanderkarten, Kompass oder GPS-Gerät mitnehmen, Handyakku für Notfälle schonen.
- Proviant: Ausreichend Essen und Trinken mitnehmen.
- Unterwegs: Umgebung beachten und auf markierten Wegen bleiben. Bei Unsicherheit umkehren, sonst steigt die Gefahr, abzurutschen.
- Wasser: Kein ungefiltertes Wasser aus Bächen oder unbekannten Quellen trinken.
- Wetter: Bei aufkommendem Gewitter Schutz in HĂĽtte oder Unterstand suchen.
- Im Notfall: Umgehend 112 wählen und die 5 Ws beachten (Wo ist es passiert, Was ist passiert, Wie viele Verletzte, Welche Verletzungen, Warten auf Rückfragen).
- Ortung: Standortkoordinaten von GPS- oder Mobilgerät helfen bei der Ortung.
- Wegweiser: Viele Wegweiser sind auf der RĂĽckseite mit Notfallnummern auf gelben Marken versehen. Damit kann die Leitstelle den genauen Standort zuordnen!
