Die Saison ist noch nicht eröffnet in Jetřichovice. Erst ganz gemächlich finden sich Wanderer ein an dem kleinen Ort in der Böhmischen Schweiz. Noch knattern Rasenmäher über saftige Wiesen. Sie bereiten den Boden für spätere Parkplätze. Löwenzahn sprenkelt das dunkle Grün, hier und da schon verwandelt in eine Pusteblume. Pittoresk döst der 400-Seelen-Ort, zu deutsch auch Dittersbach, in den zweiten und dritten Sonnenstrahlen des Frühlings.

Jedoch, er rüstet sich bereits für mehr als nur eine Handvoll Gäste. Jetřichovice ist Ausgangsort etlicher Wanderrouten entlang der Kamnitz oder zum Prebischtor. Seit Ende April ist eine neue Strecke dazu gekommen. Sie führt zur Felsenburg Falkenštejn (Falkenstein) und ist ein angenehmer Weg für Wanderer, die im Wald lieber spazieren gehen möchten.

Wanderung Jetřichovice zur Felsenburg Falkenštejn (c) ThielPR, Sebastian Thiel

Wanderung Jetřichovice zur Felsenburg Falkenštejn (c) ThielPR, Sebastian Thiel

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Geheimtipp unter Romantikern

Tomáš Salov wartet in der Ortsmitte. Der 43-Jährige ist der Pressesprecher der Nationalparkverwaltung Böhmische Schweiz. Sein Arbeitgeber hatte die Befestigung der Strecke angeregt. Bis zum großen Waldbrand vor etwa zwölf Jahren war der Weg zu den Resten der mittelalterlichen Felsenburg nicht viel mehr als ein Geheimtipp unter Romantikern. Etwa 130 Gäste waren bei der Eröffnung des nun offiziellen Weges. „Wir hoffen jetzt auf vielleicht 100 Besucher täglich“, sagt Salov.

Vielleicht eine halbe Stunde braucht der Ausflügler von der Ortsmitte bis zur einstigen Burg – mit kurzen Abstechern vorbei an Umgebindehäusern oder naturbelassenen Obstgärten vielleicht auch etwas länger. Die im 18. Jahrhundert errichtete Kirche des Heiligen Johannes Nepomuk oberhalb des kleinen Ortes wäre beispielsweise einen Schlenker wert. Auf dem kleinen Friedhof befinden sich zahlreiche Grabmale berühmter Gemeindesöhne. Mit ein wenig Glück gelingt sogar ein Blick ins Innere des Gotteshauses. Die Tourist-Information, rund 200 Meter entfernt, verkauft neben Karten und niedlichem Nippes auch handgemachte Müsliriegel aus Decín.

Wanderung Jetřichovice zur Felsenburg Falkenštejn (c) ThielPR, Sebastian Thiel

Soweit ausgerüstet und gestärkt wandert der Besucher schnell vorbei an bunt gestrichenen Holzzäunen und aufgetürmten Sandsteinformationen. Ein ehemaliges Kindererholungsheim ruht rosa und verlassen am Waldrand. Wie ein Renaissance-Schlösschen, das auf die nächste Jagdgesellschaft wartet. Vor etwa 100 Jahren dazu gebaut, Kinder an die frische Luft zu holen, steht es seit 2005 leer. Die Natur holt sich allmählich zurück, was kleine Holzhütten auf dem Gelände bisher noch besetzen. Wenige Meter hinter den letzten Häuschen teilt sich der bis dahin breite Weg.

Sichere Pfade, feste Leitern

Querfeldein mussten Wanderer sich bis vor kurzem noch durch den Wald schlagen, um den vom Fuße her betrachtet eher unspektakulären Falkenstein zu erreichen und waghalsig zu erklettern. Der Brand 2006 machte das Gelände unwegsam. „Dadurch war eine Kontinuität unterbrochen“, sagt Salov. Nach 2006 war der Weg aus Gründen der Sicherheit gesperrt, später nicht offiziell weitergeführt. Wer wollte, fand ihn trotzdem. „Es war nur eine Frage der Zeit, bis etwas passiert und sich jemand verletzt“, erklärt unser Wanderführer. „Wir mussten uns darum entscheiden, ob wir den Felsen endgültig sperren oder sicher zugänglich machen.“

Wanderung Jetřichovice zur Felsenburg Falkenštejn (c) ThielPR, Sebastian Thiel

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Seit einigen Wochen findet der Wanderer nun Treppen im Wald. Er erklimmt sichere Holzpfade und feste Leitern, um sein Ziel zu erreichen. Der Falkenstein selbst ist bedeckt mit einer robusten Gitterschicht, seine Krone abgesichert mit Handläufen. Das gefällt nicht jedem. Die Wildnis wurde hier in ein sehr kräftiges Korsett gezwängt. Auch zu ihrem eigenen Schutz, sagt Salov: „Mit jedem Schritt trägt der Mensch etwas ab von dem Sandstein.“ Am Ende zerstört er den Felsen, den er so gern bewundern möchte, und mit ihm wertvolle archäologische Befunde.

Die Konstruktion kommt weitgehend ohne Bohrungen in den Sandstein aus. Die Treppen und Podeste liegen entweder auf dem Felsen auf oder sind nach links und rechts verkeilt, jeweils mit Gummipolstern als Schutz des Gesteines. So können sie bei Bedarf praktisch spurlos wieder entfernt werden.

Wanderung Jetřichovice zur Felsenburg Falkenštejn (c) ThielPR, Sebastian Thiel

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Kleine Naturwunder um den Felsen

Leicht zu übersehen sind die kleinen Naturwunder einmal rings um den Felsen: Ameisenlöwen haben daumengroße Krater gegraben, Waldmistkäfer glänzen metallisch in der Sonne. Ein Turmfalke kreist und ruft schrill.

Die Burg ist ein Natur- und ein Kulturdenkmal. In die Felswände hinein gearbeitet von Regen, Erosion und Menschenhand sind Räume und Kammern. Von unten nicht zu erkennen, konnte hoch über dem Waldboden ein kleiner Hof überleben. Hinauf führt heute eine rostfreie Stiege. Vor 800 Jahren nutzten die Menschen vermutlich Baumstämme mit Aststümpfen als rudimentäre Leitern. „Das Leben spielte sich wahrscheinlich hier unten am Fuße des Felsens ab“, sagt Tomáš Salov. Nur bei Gefahr flüchteten die Bewohner nach oben.

Wanderung Jetřichovice zur Felsenburg Falkenštejn (c) ThielPR, Sebastian Thiel

Wanderung Jetřichovice zur Felsenburg Falkenštejn (c) ThielPR, Sebastian Thiel

Schwindelerregender Blick

Sie fanden hier Wohnräume, eine Küche und auch eine Kapelle. Heute wachsen zwei Birken anstelle des Altars. „Wir wissen nicht genau, wie viele Räume hier tatsächlich vorhanden waren und genutzt wurden“, sagt Salov. Die Archäologie ist noch nicht fertig mit dem Falkenstein. Die Küche interessiert die Wissenschaftler: Heute nur noch eine flache Vertiefung mit Hohlräumen an den Seiten.

Die Burg und ihre Beschaffenheit erinnern an Astrid Lindgrens Beschreibung der Mattisburg in “Ronja Räubertochter”. Auch die Felsenburg Falkenštejn diente einem wenig friedlichen Zweck: Raubritter Mikeš Blejketa soll hier bereits im 13. oder 14. Jahrhundert sein Unwesen getrieben haben. Später nutzten die Brüder Johanns und Heinrich Berka von Dauba den Felsen als Stützpunkt für ihre Beutezüge. Bereits Mitte des 15. Jahrhunderts wird es allerdings ruhig um den Sitz.

Wanderung Jetřichovice zur Felsenburg Falkenštejn (c) ThielPR, Sebastian Thiel

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Verewigt im Sandstein

Eine Zisterne, ein Hohlraum entlang der Felswand, diente als Reservoir für Regenwasser. Schwindelerregend ist der Blick hinab. Durchs Fenster eines der Gelasse geht der Blick hinüber zu den Rabensteinen. Ein junger Urwald wächst da aus der Asche der alten Bestände. Archäologisch interessant wurden die Burgreste wieder im 19. Jahrhundert. Fürstin Wilhelmine Kinsky (wohl auch verwandt mit dem berühmten Schauspieler Klaus) machte die Ruine der Öffentlichkeit zugänglich. Romantiker fanden hier ein Refugium – und verewigten sich. 1900 wanderte eine Gruppe, bestehend aus R. und O. Kny und O. Worm hinauf zum Felsen. In akkurater Druckschrift mit Serifen schliffen die Freunde ihre Namen für immer in den Sandstein.

Wanderung Jetřichovice zur Felsenburg Falkenštejn (c) ThielPR, Sebastian Thiel

Der Spaziergang zum Falkenstein, zurück nach Jetřichovice ist angelegt als Rundweg. Wer mag, läuft weiter zum Marienfelsen, zum Rudolfstein oder geht die Dittersbacher Runde. Ein wenig außerhalb des Ortes, am Trpaslicí vrch (Zwergberg), haben Zwerge ein Zuhause. Regelmäßig mit Farbe belebt, schauen die Gnome aus einem Fels am Ortsrand. Die Reliefs gehören zur Sage um die Bettlerin Ritschel, der Zwerge einst geholfen haben sollen. Ein leichtes Ziel für Kinder. Ein freundlicher Ort, um kurz die Seele baumeln zu lassen.

Wanderung Jetřichovice zur Felsenburg Falkenštejn (c) ThielPR, Sebastian Thiel

Jetřichovice (c) ThielPR, Sebastian Thiel

Jetřichovice (c) ThielPR, Sebastian Thiel

Jetřichovice

Jetřichovice liegt im Norden Tschechiens, im Bezirk Decín, nahe der deutschen Grenze in der Böhmischen Schweiz. Der Ort ist Ausgangspunkt zahlreicher Wanderrouten. Mit dem ÖPNV ist Jetřichovice gut über die Fähre von Reinhardtsdorf-Schöna nach Hřensko (Herrnskretschen) zu erreichen. Von Hřensko aus fahren Busse der Linie 434 in regelmäßigen und recht engen Abständen nach Jetřichovice.

Text: Christina Wittich
Fotos: Sebastian Thiel

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