URLAUBSMAGAZIN Sächsische Schweiz 2025 www.saechsische-schweiz.de 15 NATURWUNDER Herr Dr. Müller, was ist das Faszinierende an Moosen und Flechten und warum sind sie wichtig für das Ökosystem? Die Faszination liegt vor allem im Kleinen. Schaut man sich Moose und Flechten ganz genau an, lässt sich eine überwältigende Formenvielfalt erkennen. Moose haben außerdem eine beeindruckende Wasserspeicherfähigkeit. Das Weißmoos, zum Beispiel, eine in der Sächsischen Schweiz sehr häufige Art, kann das 20- bis 30-fache seines Trockengewichts aufnehmen! Das macht Moose unverzichtbar für das Ökosystem. Zusätzlich sind sie Kleinstlebensraum für Bärtierchen, Insekten und Würmer sowie Keimbett für Blütenpflanzen oder Gehölze. Flechten hingegen spielen als Nahrung für Insekten, spezielle Schmetterlingsgruppen und Schnecken eine wichtige Rolle. Wie kann sie der Laie unterscheiden? Äußerlich sind sich Moose und Flechten sehr ähnlich und werden gern verwechselt. Moose zählen jedoch zu den grünen Landpflanzen und Flechten eher zu den Pilzen. Moose sind fast immer grün und in Stämmchen und Blättchen gegliedert, während der Flechtenkörper wenig differenziert ist und meist flach auf dem Untergrund aufliegt. Flechten weisen außerdem andere Färbungen auf: gelb, orange, weiß und sogar bläulich. Wie viele Arten gibt es und wie viele davon kommen im Nationalpark Sächsische Schweiz vor? In Deutschland gibt es etwa 1.200 Moosarten, in Sachsen knapp über 800, davon kommen in der Sächsischen Schweiz über 500 vor! An Flechten gibt es in Deutschland knapp über 2.000 Arten, in Sachsen etwa 950. In der Sächsischen Schweiz wachsen davon schätzungsweise 600. Warum fühlen sich Moose und Flechten hier so wohl? Der Sandstein, die hohe Luftfeuchtigkeit und die Elbe locken spezielle Moos- und Flechtenarten an. Allein in der Vorderen Sächsischen Schweiz mit Uttewalder Grund und Amselgrund wachsen fast die Hälfte aller sächsischen Moosarten! Da es in den Schluchten recht kühl ist, finden wir außerdem auf Höhen von 200 bis 400 Metern Arten, die sonst in wesentlich höheren Gebirgsregionen in Mitteleuropa verbreitet sind. Welche der hier vorkommenden Arten sind die spannendsten? In der Sächsischen Schweiz gibt es in Deutschland einmalige Artvorkommen. Dazu gehört zum Beispiel das Feuchtmoos, das in den Schluchten auf Steinblöcken im Bachbett wächst. Analog dazu gibt es Arten, die in ganz Sachsen nur in der Sächsischen Schweiz leben, wie die Wolfsflechte. Lange Zeit war diese seltene Art nur aus der Sächsischen Schweiz bekannt. In tief eingekerbten Felshöhlen, in die nur wenig Licht dringt, kann man außerdem manchmal das Leuchtmoos schimmern sehen. Wie leuchtet das Leuchtmoos? Leuchtmoos ist in der Lage, Licht zu sammeln. Dafür bildet der sogenannte Vorkeim, eine an Algen erinnernde Vorstufe der Pflanze, kugelartige Zellen aus. Diese nehmen das Licht auf und reflektieren es anschließend wieder. Während längerer Trockenperioden im Sommer muss man allerdings länger suchen, bis man das Moos irgendwo leuchten sieht, denn ohne ausreichend Feuchtigkeit kann der Vorkeim absterben. Wo gibt es außer im Uttewalder Grund und Amselgrund noch weitere, besonders üppige Vorkommen von Moosen und Flechten? An sich findet man Moose und Flechten überall in der Sächsischen Schweiz. Zu den wichtigsten Standorten gehören die Schluchten, der Wehlener Grund, das Kirnitzschtal, der Große Zschand und das Polenztal. DR. FRANK MÜLLER ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Botanik an der TU Dresden. Aktuell engagiert er sich unter anderem innerhalb der Arbeitsgemeinschaft sächsischer Botaniker für die Erfassung der Moosflora Sachsens. Er forscht seit knapp 40 Jahren auf dem Gebiet. Die Anpassung des Leuchtmooses (Schistostega pennata) an dunkle Lebensräume verlieh dem Moos seine ungewöhnliche Eigenschaft: es leuchtet. Sebastian Thiel/THIEL Creative Content Susanne Uhlemann
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