Gastbeitrag von Sebastian Thiel

Der Malerweg Elbsandsteingebirge gilt als einer der schönsten Wanderwege Deutschlands. Zu Recht? Wir haben uns ein Stück davon genauer angesehen. Gefunden haben wir wildromantisches Landschaftstheater voller unerwarteter Wendungen.

(c) ThielPR, Sebastian Thiel

Unvermittelt steht er plötzlich am Wegesrand. Wallendes Haupthaar, entschlossener Blick, markanter Bartkranz, weites Gewand, umringt von unbekleideten jungen Frauen und Männern. Anscheinend sind wir in sein Revier eingedrungen. Die Szene wirkt kurios, zumal sie sich auf einer tempelartige Anlage mit Stufen und Podesten abspielt. Wie ein vergessener Kultort, von Moosen und Farnen bewachsen, steht das größte Richard-Wagner-Denkmal der Welt dramatisch im Liebethaler Grund. Der Bildhauer und Wagnerverehrer Richard Guhr hat das Monument 1912 geschaffen. Es war eigentlich für Dresden gedacht. Das Schicksal hat es hierher verschlagen. Ein passenderer Ort ist kaum vorstellbar.

Es ist ein sonniger Dienstagmorgen im Mai. Punkt sieben Uhr stehen wir am Anfang der ersten Etappe des Malerweges Elbsandsteingebirge. Der Bus hat uns hergebracht. Die Straße endet an einer Wendeschleife. Weiter geht es nur noch zu Fuß. Wir könnten nun 112 Kilometer lang dem schwarzen M auf weißem Grund folgen – einmal bis zur tschechischen Grenze und zurück – dabei etwa 4000 Höhenmeter bezwingen und die schönsten Ecken der Nationalparkregion sehen.

Wir fangen klein an und begnügen uns für heute mit Etappe eins: Liebethal bis Stadt Wehlen, Länge: 11,5 Kilometer, geplante Laufzeit: 4 Stunden. Eine schöne, abwechslungsreiche Tour zum Einstieg.

Uns begrüßt kühle, aromatische Waldluft mit feinen Noten von Pilzen, Moos und Erde. Wir atmen tief. Neben dem Weg murmelt und plätschert die Weesenitz über grünbewachsene Steine. Vögel zwitschern. Effektvoll scheint die Sonne in breiten Lichtbalken durch den Dunst auf das Wasser. Dahinter, üppiges, dschungelhaft dichtes Grün.

Es ist eine mystische Kulisse. Kein Wunder, dass Richard Wagner sich hier inspiriert gefühlt hat. Bald erreichen wir die Lochmühle. Es ist der Ort, an dem der Komponist die ersten Ideen für den Lohengrin zu Papier gebracht. Die Mühle, einst ein beliebtes Ausflugslokal, ist seit Langem verlassen und verfällt. Schwarz gähnen Fensteröffnungen ohne Fenster. Junge Bäumchen wachsen aus der Dachrinne. Doch laminierte Blätter am Bauzaun künden von einer goldenen Zukunft als Hotel. Bis dahin wird noch einiges Wasser die Weesenitz hinabfließen. Noch schläft der Ort tiefen Dornröschenschlaf. Momentan ist der Abschnitt offiziell gesperrt und man kann nur auf eigenes Risiko durchgehen.

Der Zauberwald hat uns wieder hergegeben.

Der Weg führt uns bald wieder hinaus aus dem Tal, zurück in die Zivilisation und in gleißendes Sonnenlicht. Wir haben den Bannkreis des Meisters verlassen. Der Zauberwald hat uns wieder hergegeben. Plötzlich stehen wir im Hier und Jetzt. Mühlsdorf ist ein winziger Ort mit gepflegten Häuschen und Gärtchen oberhalb des Weesenitztales, mit freiwilliger Feuerwehr, Ferienwohnungen, Heimatverein.

Wir schlagen nun ein völlig neues Wanderkapitel auf. Statt schaurigschöner Talromantik umgibt uns jetzt ringsum liebliches, offenes Land mit Feldern, Wäldern und sanften Hügeln. Die Rapsblüte haben wir knapp verpasst, aber der Mohn leuchtet rot am Feldrand. Eine Frau in Kittelschürze blickt von ihrer Gartenarbeit auf und weist uns den Weg. Ein Traktor rumpelt uns entgegen. Die Feldlärche singt. Dorfleben pur. Weit schweift der Blick bis hinüber nach Lohmen mit seinem hübschen Kirchlein.

Dann wieder Wald und ein abenteuerlicher Abstieg über Wurzeln und Steine. Es geht noch einmal hinab zur Weesenitz, die sich hier in Jahrtausenden eine tiefe Klamm aus dem Sandstein gewaschen hat. Spätestens jetzt wird auch klar, warum für das Wandern im Elbsandsteingebirge Bekleidung nach Zwiebelschalenprinzip empfohlen wird. Sebastian Kneipp hätte an dem belebenden Wechselbad seine Freude. Kellerklima heißt das Phänomen, das der Region kühle Täler und heiße Gipfel beschert.

Es riecht nach Sommer und Ferien.

Von einer Infotafel erfahren wir, dass sich hier im Schatten steiler Felswände und uralter Bäume Wasseramsel, Eisvogel und Bachstelze wohlfühlen. Sie bleiben uns heute verborgen. Alles, was wir von der Tierwelt in der Lohmener Klamm zu Gesicht bekommen, ist ein elegant schwarz glänzender Waldmistkäfer, der unbeholfen den Weg überquert und ein ganz gewöhnliches Amselmännchen, das im trockenen Laub unbekümmert raschelnd nach Futter für seinen Nachwuchs sucht.

Bald führt uns der Weg wieder hinauf ins Licht. Erneut liegt offenes Land vor uns. Unter unseren Füßen ein luxuriös weicher Feldweg aus Gras und Sand. Er führt uns vorbei an einer abgemähten Wiese mit Dutzenden Heuballen. Es riecht nach Sommer und Ferien. Wir entdecken im Panorama bald wieder die Lohmener Kirche. Diesmal laufen wir in ihre Richtung.

Vorstoß in die geheimen Gemächer der Natur

Es ist erst kurz nach neun Uhr aber die Sonne hat bereits Kraft. Und so tut es gut, nach Lohmen wieder in die schattige Kühle des Waldes einzutauchen. Unversehens beginnt das dramatische Finale unserer Etappe: der Uttewalder Grund. „Wir stoßen in die geheimen Gemächer der Natur vor, von ihr ausgeschmückt in der wildesten Launenhaftigkeit“, so empfand die englische Schriftstellerin und Frankenstein-Erfinderin Mary Shelley im Jahr 1842 eine Durchquerung des Grundes.

Raue Felswände rücken jetzt zum Greifen nah. Nur ganz oben scheint die Sonne. Hier unten, in der ewigen Dämmerung, tragen Bäume flauschige Moosjacken. Der Uttewalder Grundbach, der sich dieses Idyll geschaffen hat, ist heute nicht zuhause. Dazu waren die letzten Wochen und Monate zu trocken. Doch rund geschliffene Felsbrocken und umgestürzte Bäume in seinem Bett gebieten Respekt vor dem Herren des Tales.

(c) ThielPR, Sebastian Thiel
(c) ThielPR, Sebastian Thiel

Zum Überleben würde es reichen.

Nur ein kleines Rinnsal tröpfelt links des Weges die steilen Felswände hinab. Zum Überleben würde es reichen, stellen wir fest. Vielleicht hat an dieser Stelle schon ein durstiger Caspar David Friedrich seinen Becher gefüllt? Gut möglich. Anfang des 19. Jahrhunderts hauste der berühmte Maler mehrere Tage allein in diesem Grund, um der Natur ganz nahe zu kommen.

Bald stehen wir vor einem seiner Motive, dem Uttewalder Felsentor. Mächtige Felsen sind hier gestürzt und haben sich fotogen zwischen den Wänden einer engen Schlucht verkeilt. So ist ein niedriger Durchgang entstanden. Natürlich gibt es auch eine schaurige Sage zu diesem geheimnisvollen Portal. Sie erzählt von einem frommen Einsiedler und einem Steine werfenden Teufel.

Im urigen Gasthaus Waldidylle klingt mit einer kalten Himbeerfassbrause unser kleines Abenteuer aus. Wir haben einen Malerwegsstempelpass dabei und können uns stolz hier unseren ersten Stempel und die erste Malerwegssammelpostkarte abholen.

(c) ThielPR, Sebastian Thiel

Es ist Mittagszeit. Die Tische füllen sich mit Ausflüglern aus der nahen Stadt Wehlen, unserem Ziel. Die letzte halbe Stunde laufen wir gegen den Strom. Familien mit kleinen Kindern kommen uns jetzt entgegen, auch Senioren. Das Stück zwischen Wehlen und Felsentor gilt als barrierefrei. An einem Aussichtspunkt über den Dächern des Städtchens, in der prallen Mittagssonne, fragt uns ein junges Paar nach dem Einstieg zum Malerweg in Richtung Bastei. Mit Karte zeigen wir den richtigen Weg. Es ist die nächste Etappe – und unser nächstes Projekt.

 

Fotos:
alle Fotos © Sebastian Thiel

1 Sterne2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (4 Bewertungen, Durchschnittlich: 4,75 von maximal 5)
Loading...
Kategorien: Wandern