Täler sind am schönsten, wenn man sie von oben anschaut. In den Ohren eines Bergsteigers klingt diese These sicherlich logisch – im Elbsandsteingebirge trifft sie aber so pauschal nicht zu. Denn die zerklüftete Felslandschaft ist unten herum mindestens genauso reizvoll wie oben, und mancher tageslichtscheue Grund trägt sogar mehr zum romantischen Charakter und Ruf dieser Landschaft bei als ihre stolzesten Gipfel. Der Uttewalder Grund gehört dazu. Die Edmundsklamm in der Böhmischen Schweiz. Und ganz besonders: das Polenztal. 

Wer im Frühling ein Stück am Ufer des gleichnamigen Bachs entlangwandert, merkt schnell warum er so viele Bewunderer anlockt. Frei von künstlichen Mauerkorsetts und anderen Zwängen vagabundiert er durchs Tal, springt über Steine und Blöcke, zerrt übermütig an welken Brombeerranken, wäscht altes Laub vom Ufer fort. Und zeigt stolz und fröhlich wie ein Kind seine Schätze, die darunter zum Vorschein kommen – ganze Wiesen voller Märzenbecher! Jedes Jahr lockt das berühmte Naturschauspiel Tausende Menschen in die Sächsische Schweiz. Und deshalb kann es für Leute, die es ohne viel Trubel genießen wollen, eben durchaus Sinn machen, zuerst ein Stück in die Berge hinauf zu wandern.

Am besten du startest in Hohnstein. Und Eines gleich vorweg: Da oben sieht man nicht viel von den Märzenbechern. Aber dafür hat das Polenztal über sich einen schönen und ruhigen Begleiter: den Hohnsteiner Rundweg. Auf ihm durchwandert man die Schlucht und ihre Seitenarme auf halber Höhe wie auf einer Terrasse, vorbei an mächtigen Wänden und malerischen Winkeln, an denen die Gebrüder Grimm ihre helle Freude gehabt hätten. Übrigens auch die Liebhaber der Seifenoper. Denn zwischen dem Rundweg und seiner Empore läuft es die ganze Zeit wie in einer lang andauernden Beziehungskiste. Erst liegt er dem Hohnsteiner Burgfelsen zu Füßen, lässt dann den Ritterfelsen ziemlich rüde links liegen, umwindet und umgarnt stattdessen den Großen und Kleinen Halben, später Drachenkopf und Riesenechse und steigt dabei über fünf Kilometer immer weiter bergan seinem dramatischen Wendepunkt entgegen – der Brandaussicht.

Unterwegs merkt man schnell, woher die Polenz nach dem Winter ihre Kraft nimmt und wie nah die als trocken bekannte Sandsteinlandschaft in Wirklichkeit am Wasser gebaut ist. Überall tropft es hier von den Wänden, sickert durch Höhlen und Grotten, mäandert und fließt durch Schluchten und Gründe immer eiliger bergab, bis es schließlich die Talsohle erreicht. Wer die Poesie von Wasser mag, sollte die Gautschgrotte und Diebshöhle nicht verpassen – beide sind im Frühling ein wunderschönes Klangerlebnis! Und ganz nebenbei schwimmt man auf diesem Weg zeitlich gegen den Strom. Denn zu den Märzenbechern wollen wir ja erst ganz zuletzt, und zwar zu einer Tagesstunde, wenn die meisten das Polenztal schon wieder verlassen haben. Vorher kommt nach gut zwei Stunden, acht Kilometern und all dem Wasser erstmal ein Bier in der Brandbaude – und zwar wie gerufen!

Die Panoramaaussicht am Gasthaus ist zweifellos eine der schönsten und eindrucksvollsten in der Sächsischen Schweiz: 180 Grad freie Sicht – von der Schrammsteinkette im Osten bis zur Bastei im Westen. Nach der verdienten Pause geht es fokussiert und hoffentlich festen Schritts durch den Schulzengrund hinunter zur Waltersdorfer Mühle, wo die Polenz einen klammartigen Talabschnitt verlässt und von weitem schon die ersten Märzenbecher leuchten. Die Sonne steht inzwischen ziemlich tief und taucht die alte Mühle und die Felsen in ein weiches, ockerfarbenes Licht.

Und tatsächlich: das Polenztal ist menschenleer. Was jetzt kommt, erlebt man für sich allein auch wirklich am intensivsten: Stromaufwärts leuchten am rechten Ufer kleine Wieseninseln mit Abertausenden von Märzenbechern. Dazwischen sprudelt die Polenz graugrün in ihrem Bett, sammelt sich schäumend in tiefen Gumpen – spritzt und quirlt alsbald wieder daraus hervor, um mit befreiter Kraft zwischen Eichen, Erlen und Fichten singend von dannen zu ziehen. Wenn man sehr genau zuhört, wird man Teil dieser Melodie. Es ist, als ob gleichsam innen und außen ein Bach rauscht. Die Zeit kommt zum Stillstand, und mit seiner duftigen, wunderbaren Kraft tritt das Jetzt ins Bewusstsein – das Leben. Und der Frühling.

Kurzbeschreibung:

Hohnsteiner Rundweg (grüner Strich, Lehrpfad) bis zur Brandstraße, dieser folgend bis zur Aussicht, später durch den Schulzengrund (roter Strich) ins Polenztal und am gegenüberliegenden Ufer stromaufwärts (roter Punkt) zurück Richtung Hohnstein. Für den Auftieg in die Stadt empfiehlt sich der Pfad durch den Schindergraben (blauer Strich).

  • Distanz 13,7 Kilometer
  • 463 Höhenmeter
  • Wanderzeit ca. 5 h
  • Charakter: leicht
  • Einkehrmöglichkeiten: Brand-Baude, Waltersdorfer Mühle, Gasthaus Polenztal
  • Parkplätze: am Markt oder am Klärwerk Hohnstein
  • ÖPNV:  Linie 237 Pirna-Sebnitz über Hohnstein, Fahrplaninfos: www.ovps.de

Mehr Infos, weiterführende Wandertipps und Route zum Download für´s Polenztal: sandsteinblogger

Zum Autor

Hartmut Landgraf lebt und arbeitet als freier Journalist, Texter und Herausgeber des Online-Magazins SANDSTEINBLOGGER.DE in Dresden. Die Touren- und Reportage-Website hat ihren Schwerpunkt im Elbsandsteingebirge, ist thematisch aber auch in anderen Ecken der Welt unterwegs. 2016 war das Magazin Medienpartner des Deutschen Wandertages und wurde 2017 in Innsbruck mit dem traditionsreichen BergWelten-Journalismuspreis ausgezeichnet.

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Kategorien: Tipp Wandern