©: Sebastian Thiel

Erlebnisbericht von Sebastian Thiel

Manchmal ist Freiheit ein Gefühl, das man am ganzen Körper spürt! So erleben wir es genau jetzt. Wir stehen auf einem Millionen Jahre alten Felsen in der Frühlingssonne hoch über dem Elbtal und lehnen uns gegen den Wind. Unter uns schlängelt sich der Fluss aus Böhmen kommend in weiten Bögen zwischen zwei Hochebenen hindurch. Grand Canyon in grün. Vis-a-vis liegen zwei bewaldete Tafelberge wie Häkelmützen markant in der Landschaft: der Zirkelstein mit seiner adretten Felsenbommel und die etwas zerzauste Kaiserkrone. Es ist ein prächtiger Frühlingstag kurz vor Ostern und die Breite-Kluft-Aussicht schon jetzt einer der Lieblingsorte der heutigen Tour.

Wir folgen dem Malerweg Elbsandsteingebirge. Es ist einer der beliebtesten Fernwanderwege Deutschlands und so etwas wie die Grand Tour der Sächsischen Schweiz. Auf seinen insgesamt 116 Kilometern führt er zu den Highlights der wildromantischen Felsenwelt. Bastei, Festung Königstein, Schrammsteine, Pfaffenstein: Das und vieles mehr liegt direkt am Weg.

Die Geschichte der Route reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Die Maler der Dresdner Kunstakademie hatten die geheimnisvolle Landschaft elbaufwärts mit ihren bizarren Felsen, den mächtigen Tafelbergen und mystischen Schluchten als Studienobjekt entdeckt und mit ihren Werken berühmt gemacht. Erst kamen die Künstler, dann die Sommerfrischler. Einzelne Wege verschmolzen bald zu einer durchgehenden Route: dem Malerweg.

In seiner heutigen Form, als Mehrtagestour mit 116 Kilometern und acht Etappen, gibt es den Malerweg Elbsandsteingebirge seit 2006. Zu den historischen Passagen haben Tourismusverband und Nationalparkverwaltung weitere landschaftlich attraktive Strecken ergänzt, die Route an heutige Gegebenheiten und Naturschutzbelange angepasst sowie durchgängig ausgeschildert. So können die Wanderer nicht nur die Künstlerstationen der großen Romantiker entdecken, sondern zugleich auch ein aufregendes und sportlich forderndes Aktivurlaubserlebnis genießen.

Wir haben uns heute Etappe vier vorgenommen. Es ist einer der landschaftlich spektakulärsten Abschnitte – und einer der anspruchsvollsten. Auf 18 Kilometern Länge hält er etwa 600 Höhenmeter parat. Reine Laufzeit: etwa sieben Stunden. Vom verträumten Altendorf führt die Etappe einmal quer durch das beeindruckende Felsenreich der Hinteren Sächsischen Schweiz, dem Hauptteil des Nationalparks, bis zur idyllisch im Kirnitzschtal gelegenen Neumannmühle mit Wirtshaus und historischer Sägemühle.

Zwei Einheimische begleiten uns – das heißt, viel mehr versuchen wir, Schritt zu halten mit den geübten und auch in unwegsamem Gelände fröhlich plaudernden Wanderinnen. Und mehr als einmal sind sie schon aus dem Blickfeld verschwunden, wenn wir uns in ein Fotomotiv am Wegesrand verguckt haben. Dann fühlen wir Stadtmenschen uns kurz wie Hänsel und Gretel.

Aber natürlich warten sie immer geduldig nach der nächsten Ecke auf uns. Überhaupt müsste man sich schon sehr anstrengen, um sich auf dem Malerweg zu verlaufen. Die gesamte Route ist unmissverständlich ausgeschildert. So folgen auch wir heute einfach dem geschwungenen „M“ – mal laufend, mal kletternd, über wurzelige Waldwege und knirschende Forststraßen, durch feinsten Meeressand und enge Schluchten, über Baumstämme und Brücken, entlang von Bächen und Felskanten zu immer neuen, atemberaubenden Ausblicken.

Ein feierlicher Augenblick ist der Gang durch das Große Schrammtor. Der Weg zwängt sich hier effektvoll durch eine schmale Felsspalte, flankiert von bis zu 60 Meter hohen Felswänden. Ein Pflichtabstecher führt abenteuerlich über Leitern und Treppen zur berühmten Schrammsteinaussicht mit Logenblick über das Elbtal und die zerklüftete Vertikallandschaft der Torsteine. Wie eine vergessene Kulisse für einen Fantasyfilm steht das Kleine Prebischtor, eine natürliche Felsbrücke in den Affensteinen, mitten im Wald, bewacht von einer uralten Buche, die mit ihrer mächtigen Wurzel die Felsen zu umschlingen scheint.

Am Gasthof Lichtenhainer Wasserfall im Kirnitzschtal erleben wir zum Softeis ein kultiges Stück Tourismusgeschichte in Aktion. Vor fast 200 Jahren wurde hier ein Bach aufgestaut, um zur Freude der Gäste mehrmals täglich für kurze Zeit einen zauberhaften Wasserfall entstehen zu lassen. Dazu öffnete der amtliche „Wasserfallzieher“ gegen ein Trinkgeld das Wehr. Heute geschieht das automatisch. Das Kirnitzschtal mit seiner nostalgischen Straßenbahn entführt in die Frühzeit des Tourismus. Von einer antiken Preistafel am Lichtenhainer Wasserfall erfahren wir, was es einst gekostet hat, sich von Sesselträgern zu den umliegenden Highlights der Hinteren Sächsischen Schweiz tragen zu lassen. Kuhstall, 3 Mark? Klingt fair. Schade nur, dass der Service schon vor über 100 Jahren eingestellt wurde. Der Kuhstall ist eine der bekanntesten Felsformationen der Sächsischen Schweiz, ein natürliches Felsentor, 11 Meter hoch, 17 Meter breit und 24 Meter tief. Von hier geht es zur Neumannmühle, wo wir im Wirtshaus auf das erfolgreich absolvierte Abenteuer anstoßen – zum Entsetzen des Wirtes mit Wasser. Der Bus bringt uns zurück zur Fähre, die Fähre zur S-Bahn und die S-Bahn zurück in den Alltag. Aber das Gefühl der Freiheit – das kommt mit.

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