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Gepostet on Mai 23, 2017 in Gewinnspiel, Reiseberichte, Reiseerlebnisse | Keine Kommentare

Bergsteiger stellten Rucksackdieb

Bergsteiger stellten Rucksackdieb

Unter dieser Überschrift erschien im Juni 1973 auf der Kreisseite Pirna der Sächsischen Zeitung eine zehnzeilige Notiz. Als Rucksackdieb wurde der Name Klaus P. genannt. Die Bergsteiger jedoch, die positiven Helden, blieben bedauerlicherweise ungenannt. Bedauerlicherweise deshalb, weil nämlich ich einer von ihnen war. Wer ist schon so frei von Eitelkeit, sich nicht darüber zu freuen, wenn er seinen Namen in Verbindung mit einer guten Tat in der Zeitung lesen kann, auch wenn er nur auf der Kreisseite Pirna steht. Man hat ja nicht allzu oft die Gelegenheit, einen Dieb einzufangen, und dazu noch auf solch bravouröse Art und Weise, wie wir das getan hatten. Wir, das waren Ingrid, Mink und ich. Das Geschehen spielte sich folgendermaßen ab:

Wir hatten soeben den Herbstweg am Talwächter durchstiegen und schlenderten zurück zur Feldwand, wo unsere Rucksäcke standen. Der Klettersonntag neigte sich dem Ende zu, wir waren angenehm ermattet und erfüllt von Zufriedenheit. Kein Wort fiel, das gemeinsame Bergerlebnis klang in uns nach. An der Türkenkopf-Südwand kletterte eine Partie. Wir schauten eine Weile zu. Die Abendsonne spendete milde Wärme, kein Lufthauch war zu spüren. Tiefer Frieden lag über Wald und Flur.

„Da!“ rief Ingrid plötzlich mit gedämpfter Stimme und zeigte zu unseren Rucksäcken. Dort machte sich ein Mann zu schaffen.

„Ein Dieb!“

„Du spinnst wieder mal“, beruhigte ich sie nachsichtig, „dort stehen doch auch noch andere Rucksäcke!“

Ich war fest überzeugt, dass der Mann nichts Böses im Sinn hatte. Doch irgendwas war bei ihm nicht in Ordnung. Irgendeine Kleinigkeit, aber ich kam nicht drauf. Er passte nicht ins Bild. Aber warum nicht?

Mink sagte nichts. Wir gingen weiter, etwas leiser als zuvor. Der Mann hatte uns anscheinend trotzdem gehört. Er blickte auf, sah uns, drehte sich um und lief davon. Damit war alles klar. In dem Moment erkannte ich, was bei ihm nicht in Ordnung war: Er trug einen dunklen Anzug, Krawatte und schwarze Halbschuhe.

Einen Augenblick standen wir unschlüssig und sahen ihm nach. Dass mich jemand bestehlen wollte, und dazu noch an diesem friedvollen Abend, war für mich so überraschend und widersinnig, dass ich überhaupt nicht reagierte.

„Na los!“ feuerte uns Ingrid an, „hinterher!“

„Ich renne ihm oben nach“ sagte ich zu Mink, „und du schneidest ihm unten den Weg ab“.

Wir sausten los, die Jagd begann. Der Mann hatte vielleicht fünfzig
Meter Vorsprung. Ich heftete mich an seine Fersen. Mir war klar,
dass er uns nicht entwischen konnte. Wir kannten hier Weg und Steg,
waren kräftig, schnell und durchtrainiert. Nur eine Frage beschäftigte mich unangenehm: Was machst du mit dem Kerl, wenn du ihn einholst?
Nicht, dass ich Angst gehabt hätte, ganz im Gegenteil. Doch das war für mich eine Situation, der ich ohne Erfahrung gegenüber stand. Soll ich ihn anschreien, festhalten oder lieber gleich zuschlagen? Oder fesseln,
das Seil habe ich ja noch umhängen. Ich kam zu dem Schluss, ihn Mink in die Arme zu treiben, damit der mir die Entscheidung abnehmen musste. Im Geiste sah ich schon, wie der  angehende Schulmeister ratlos vor dem Täter stand, und musste lächeln.

Der Dieb rannte auf einen felsigen Absatz zu, der an der Südseite der Feldwand entlang führt, und verschwand mir aus den Augen. O weh, dachte ich, jetzt wird’s kriminell! Der Absatz setzt sich nämlich als Felsband fort. Dieser Sims zieht sich in einer Höhe von sechs bis acht Meter über dem Waldboden hin, wird immer schmaler und endet mit einem nahezu senkrechten Abbruch. Der Mann war also in eine Falle gelaufen.

Als ich das Band erreicht hatte, guckte ich vorsichtig. Einen Kampf auf schmalem Sims wollte ich nicht riskieren, um dann vielleicht eng umschlungen mit dem Kriminellen abzustürzen. Ich näherte mich dem Ende des Bandes. Würde hier der Krimi seinen Höhepunkt haben? Die letzte Felsecke. Ich schlich heran. Guckte. Guckte nochmals. Nichts! Der Sims war zu Ende, die Abendsonne lag friedlich auf Fels und Wald. Der Kerl war verschwunden. Hatte sich aufgelöst. Ich dachte, ich spinne. Dann sah ich unten den Mink durch den Wald wetzen.

„Siehst du ihn noch?“ rief ich.

„Nein! Du?“

„Nein!“

Plötzlich stöhnte jemand unter mir. Erschrocken trat ich an den Abbruch und blickte hinunter. Da lag er! Unser Freund lag auf dem Rücken im Sand, streckte alle Viere von sich und japste nach Luft.

„Hallo Mink! Hier ist er!“

Ich kletterte den Abbruch hinunter, für einen Geübten in Kletterschuhen kein Problem. Doch für einen Ungeübten in Halbschuhen stellt er ein Bollwerk dar, das nur im freien Fall zu überwinden war. Oder hatte der Bursche bei seiner Flucht gar nicht gemerkt, dass hier der Sims endete, und war noch weiter gerannt, als er schon den Boden unter den Füßen verloren hatte?

Der Ärmste war bei Bewusstsein. Er hatte jedoch große Mühe, die Luft, obgleich sie hier noch ungesiebt war, in seinen Körper zu befördern. Sein Versuch, sich zu erheben, endete mit einem kläglichen Wimmern.

„Bleib liegen!“ Ich bemühte mich, meiner Stimme einen befehlenden Ton zu geben. Als Antwort kam unverständliches klagendes Stöhnen. Wenn ich im Beisein Ingrids die Story erzähle, mache ich an dieser Stelle eine Kunstpause. So kann Ingrid die Situation aus ihrer Sicht darstellen:

„Ich kam am Ende des Felsbandes an“, erläutert sie dann, „sehe den Werner unten stehen, und vor ihm auf dem Boden liegt der Bursche und wimmert. Mein Gott, dachte ich, der Werner hat ihn niedergeschlagen. Wir sind schon acht Jahre verheiratet, aber so einen gewalttätigen Zug hab ich noch nie bei ihm bemerkt.“ Soweit Ingrids Einschub.

Mink tauchte aus dem Gebüsch auf und sah mich fragend an. Ich zeigte nach oben.

„Er hat sich selbst gestellt.“

„Gelegt“, berichtigte der angehende Lehrer.

„Bist du verletzt?“ fragten wir ihn.

Er bewegte vorsichtig den Kopf hin und her.

„Wo tuts denn weh?“

„Oouuuaaahh“ oder so ähnlich.

Schweigend standen wir da und betrachteten das Häufchen Unglück zu unseren Füßen. Er schien um die 30 Jahre alt zu sein, war größer als wir und trug lange, schwarze Haare. Das unrasierte Gesicht hatte einen leidenden Zug, wofür wir angesichts seiner misslichen Lage durchaus Verständnis hatten. Anzug und Schuhe waren verstaubt, die Hände zerschrammt und dreckig.

Ingrid lief zur Unfallhilfsstelle, um einen Sanitäter zu holen. Mink und ich blieben zur Bewachung zurück, obwohl unser Gefangener zu keinem Fluchtversuch fähig war. Wir zweifelten sogar daran, ihn überhaupt noch auf seine Beine bringen zu können.

Vielleicht fünf Minuten standen wir neben ihm. Sollten wir uns über unsere Beute freuen oder nicht? War der Kerl nun genug gestraft, oder musste er vors Gericht? Vielleicht hatte er noch mehr auf dem Kerbholz? Vertrauenswürdig sah er nicht aus. Als sein Stöhnen und Jammern leiser geworden war, hielt ich ihn für vernehmungsfähig.

„Was hast du denn in unseren Rucksäcken gesucht?“

„Was zu essen. Hatte Hunger“, kam es kläglich, „aber ihr kamt so schnell. Da bin ich ausgerissen. Ich habe euch nichts weggenommen.“

„Warum hast du dir denn nichts zu essen gekauft?“

„Hab kein Geld. Bin erst seit sechs Wochen ausm Bau.“

„Warum hast du denn gesessen?“

„Alimente. Konnte nicht bezahlen.“

„Hast du gearbeitet?“

„Mal hier und mal dort.“

„Bist du verheiratet?“

„Ach—!“ Aller Schmerz der Welt steckte in diesen drei Buchstaben. Der Ärmste musste viel gelitten haben.

„Bin zum dritten Mal verheiratet“, erläuterte er seine Situation näher, „aber ich kann mich zu Hause nicht sehen lassen. Wegen der Alimente. Hab doch kein Geld.“

„Wie viel Kinder hast du denn?“

„Neun.“

Wir waren einen Moment sprachlos.

„Mensch, neun Kinder!“ sagte ich anerkennend, „das ist ja eine außergewöhnliche Leistung. Wie hast du denn das fertig gebracht? Ich bemühe mich schon paar Jahre und hab noch kein einziges.“

„Sei froh!“ Diese Worte kamen aus dem tiefsten Grund seiner Seele. „Sei bloß froh!“

Ich war für ihn der glücklichste Mensch unter der Sonne. Er schloss einen Augenblick die Augen und schien sich dieses unermessliche Glück vorzustellen. Mit einem Seufzer kehrte er in die raue Wirklichkeit zurück. Wir führten das Verhör weiter.

„Sind alle neun Kinder von einer Frau?“

„Nee. Von Fünfen.“

Siehst du denn da noch durch?“

Gequältes, mattes Lächeln.

„Und wo wohnst du jetzt?“

„Meistens in Wochenendhäusern. Bloß an den Wochenenden ists blöd. Da kommen die Besitzer.“

„Wie ernährst du dich denn?“

„Was grade reif ist…. Und was ich in den Datschen finde.“

„Und in den Rucksäcken der Bergsteiger“, ergänzte Mink.

„Es war das erste Mal. Heute ist Sonntag. Und ich hab son Hunger.“

„Sag mal, wolltest du ewig so leben? Im Sommer mags ja noch gehen, aber im Winter?“

„Ach – die Hetzerei hab ich satt. Im Bau hab ich wenigstens wieder ein geregeltes Leben.“

Der erste Satz klang ehrlich, der zweite gequält und erschreckend hoffnungs- und willenlos. Dieser Mann hatte sich völlig aufgegeben und abgeschrieben vom normalen Leben. Er hatte sich damit abgefunden, sein Leben hinter Gefängnismauern zu verbringen. In den kurzen Unterbrechungen ohne Gitter fand er sich nicht zurecht. Zu ehrlicher Arbeit hatte er keine Lust. Er vergrößerte lediglich die Zahl seiner Kinder und erhöhte damit die Summe der Alimente. Dann trieb er sich herum, wurde gejagt und endete schließlich wieder hinter Gittern. Das Gefängnistor war seine Zukunft, immer und immer wieder. Ich glaube nicht, dass er jemals den Willen und die Kraft gehabt hat, aus diesem trostlosen Dasein auszubrechen.

Der bedauernswerte Mensch konnte sich mit unserer Hilfe zunächst aus der liegenden Stellung in die sitzende aufrichten und nach einer Weile sogar aufstehen. Seine erste Tätigkeit – er stand noch ganz unsicher und musste links und rechts gestützt werden – bestand darin, Spiegel und Kamm hervor zu holen. Er betrachtete sich im Spiegel und begann, sorgfältig seine schmutzigen Haare zu kämmen. Mink und ich guckten uns verständnislos an. Wir wussten nicht, was wir davon halten sollten.

Ingrid kam mit dem Sanitäter zurück.

„Wir kennen uns doch vom letzten Jahr“, begrüßte der unseren Freund, „du musst dir mal ein anderes Revier aussuchen. Hier bist du zu bekannt.“

Wir brachten unseren verstaubten und humpelnden Langfinger nach Rathen. Bei seiner Untersuchung in der Unfallhilfsstelle fanden die Sanitäter neben Prellungen und Schürfwunden auch einen größeren Packen Geldscheine. Fast kameradschaftlich verabschiedeten wir uns von ihm. Die weiteren Untersuchungen hatte die Kriminalpolizei zu führen.

 

Gastautoren und Fotograf: Ingrid & Werner Rump

Bergsteiger stellt Rucksackdieb - (c)Werner Rump **

Bergsteiger stellt Rucksackdieb – (c)Werner Rump *

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