Der Kleinhennersdorfer Stein ist vielleicht der Unscheinbarste unter den Tafelbergen der Sächsischen Schweiz – aber er hat es in sich! Besonders in der Weihnachtszeit. Ein Wandertipp für alle, die noch nicht vergessen haben, wie sich Vorfreude anfühlt.

 

Schummriges Licht. Schummrige Musik. Heimlichkeiten. Herzklopfen. Flüstern und leises Papier-Geraschel im Nachbarzimmer. Schränke, die sich auf einmal nicht mehr öffnen ließen. Und dann diese unendlich langsame Zeit! Jede Schnecke hätte den Wettlauf mit ihr gewonnen. War das nicht so – zu Weihnachten, damals in der Kindheit?

Es hatte einen bestimmten Farbton: Nicht rot, sondern geheimnisvoll sirupfarben, wie das Innere eines Bernsteins. Es roch nach alten Büchern und Backzutaten. Und es lag einem bittersüß auf den Lippen bis zum Heiligabend. Für all das gab es ein Wort: Vorfreude. Und dieses Wort war überall: Wäschekörbe und Schubfächer hießen plötzlich so. Tabuzonen. Umwege. Und überhaupt – jeder zusätzliche Schritt, der zum Spaziergang zu werden drohte.

Heute ist Weihnachten anders. Und manchmal wäre es schön, es wieder mit Kinderaugen zu sehen. Oder irgendwo hin zu gehen, wo die verlorenen Gefühle und Erinnerungen wieder lebendig werden können. Einen solchen Ort gibt es. Mitten in der Sächsischen Schweiz. Tief unter dem Kleinhennersdorfer Stein.

Es waren Bergsteiger aus Heidenau, die seinen Zauber vor einem knappen Jahrhundert zuerst entdeckten: Den stillen Glanz der Lichterhöhle. Der gewaltige Hohlraum unter dem Berg ist eine der größten Höhlen im Elbsandsteingebirge: 21 Meter tief, 14 Meter breit, kein Werk der Natur, sondern ein Bergbau-Relikt – hier wurde einst Sand gewonnen. Später ein beliebter Treffpunkt für Naturfreunde und Romantiker.

 

Man kann sich jenen 11. Dezember 1924 vielleicht so vorstellen: Aus der tiefen Kluft unter dem Tafelberg fällt ein schwacher Fetzen Licht auf die verschneiten Fichten und Kiefern, die den Eingang der Höhle bewachen. Das Innere des Berges aber ist hell erleuchtet mit Kerzen und Grubenlampen. Stimmen und Gelächter hallen durch die Nacht. Männer, Frauen – vielleicht 30 an der Zahl – lagern auf Blöcken und Bänken aus grobem Fels. Ihre Schatten tanzen über die schrundigen Wände und Gesimse der Höhle. Dann kehrt für einen Moment Ruhe ein. Es sind die Sekunden, in denen das erste bekannte Foto der Lichterhöhle entsteht. Und ein Weihnachtsbrauch, den es noch heute gibt.

Manchmal im Advent erstrahlt die Höhle so wie damals im Zauberglanz Dutzender Kerzen und Teelichter. Dann ist es im Berg so still und festlich wie in einer Kirche. Es heißt, in der Weihnachtszeit sollen schon des Öfteren Wanderer mit wachsbefleckten Rucksäcken und Mülltüten in der Nähe des Kleinhennersdorfer Steins gesehen worden sein. Aber wie das mit heimlichen Bräuchen eben ist: Man kann sich nicht drauf verlassen. Es gehört Glück dazu, um das Wunder selbst zu erleben. Oder man muss seinem Glück ein bisschen nachhelfen.

 

So oder so – Bei einer Wanderung von Königstein über die beiden großen Geschwisterberge Gohrisch und Papststein kann man seine Vorfreude auf die Lichterhöhle noch ein, zwei Stunden länger genießen. Unweit vom Kreisverkehr in Königstein geht´s über Treppen erst zackig bergauf zur Schönen Aussicht und dann gemütlich weiter den Gohrischer Rundweg durch lichten Wald und ohne Umwege in den benachbarten Luftkurort. Aus dem Ort raus muss man ein Stück Richtung Pfaffendorf auf der Straße laufen, bald aber zweigt links ein Feldweg ab, der einen im Bogen um Gohrisch herum zurück in den Wald bringt, und dort geht´s dann auf dem Malerweg weiter bis zum gleichnamigen Tafelberg. An dessen Fuß wartet schon der gelb markierte Forststeig, diesem folgend führt die Tour über Leitern zum Gipfel hinauf (440m), drüben gleich wieder hinunter und dann mit einigem Auf und Ab über den Papststein und den Kleinhennersdorfer Stein bis zum Bahnhof Bad Schandau.

 

Alle drei Tafelberge haben ihren Reiz und bieten Wanderern und Fotografen herrliche Aussichten zum Verschnaufen und Innehalten. Der Kleinhennersdorfer Stein ist der kleinste und unscheinbarste – doch in mancher Hinsicht vielleicht der abenteuerlichste. Neben seinen beiden stolzen Geschwistern wirkt er fast mickrig, so als würde er sich in ihrem Schatten unterwürfig ducken. Doch im Südwesten des Bergmassivs klafft in einer nackten Felsflanke das gewaltige Loch: der Eingang zur Weihnachtswelt – das Tor zur Lichterhöhle.

Sind drinnen Kerzen angezündet, ist es so, als würde man einen unterirdischen Zwergendom betreten. Alles hat einen stillen, fast märchenhaften Glanz. Etwas Andächtiges und Geheimnisvolles ist im Raum. Und in den Nischen und Winkeln der Höhle tanzen und blinken die Lichter wie kleine Wachfeuer. Als wären dahinter alle verlorenen Schätze und Zauber der Weihnachtszeit in winzigen Schließfächern sicher verwahrt, bis eines Tages jemand hierher zurückkehrt und sie hervorholt. All den Duft. All die Farben und Heimlichkeiten. Und leise, ganz leise… beginnt tief drinnen eine vergessene Saite zu klingen. Vorfreude.

Kurzbeschreibung:

Eine stimmungsvolle Advents-Wanderung (ca. 4 Stunden) über drei Tafelberge zu einem der weihnachtlichsten Orte des Elbsandsteingebirges: der Lichterhöhle. Von Königsteiner Stadtzentrum geht es über Treppen zuerst zur Schönen Aussicht – dann weiter dem Rundweg folgend nach Gohrisch. Dort rechtshaltend in den Sandweg einbiegen und später der Straße Richtung Pfaffendorf folgen, bald darauf geht´s links den Königsweg über die Felder zum Jagdsteig (Malerweg), später dem Muselweg folgen und schließlich auf dem Forststeig (gelber Strich) zum Gipfel des Gohrisch (440 Meter). Über diesen nach Osten absteigend weiter zum Papststein und dann den Hauptweg (Treppen) bis zum Berggasthof. Auf dem Forststeig bleibend vom Papststein hinüber zum Kleinhennersdorfer Stein und zur Lichterhöhle. Schließlich das Gipfelplateau des Kleinhennersdorfer Steins überquerend hinunter in die Wälder und zuletzt den Täppichtsteig nach Bad Schandau absteigen.

  • Distanz ca. 14 Kilometer
  • 460 Höhenmeter
  • Wanderzeit insgesamt reichlich 4 h (ohne Rast)
  • Charakter: Aussichtsreiche mittelschwere Bergwanderung mit viel Auf und Ab.
  • Einkehrmöglichkeiten: „Berggasthof Papststein“, im Winter an Wochenenden und Feiertagen geöffnet, diverse Gasthöfe in Königstein, Gohrisch und Bad Schandau.
  • Mit dem Auto: B172 nach Bad Schandau (P+R-Platz am Bahnhof). Mit der S-Bahn eine Haltestelle bis nach Königstein, anschließend entsprechend Streckenempfehlung zurück nach Bad Schandau wandern.
  • ÖPNV:  S-Bahn nach Königstein, zurück von Bad Schandau. Fahrplaninfos: vvo-online.de

Weiterführende Tipps und Route zum Download: www.sandsteinblogger.de

Zum Autor

Hartmut Landgraf lebt und arbeitet als freier Journalist, Texter und Herausgeber des Online-Magazins SANDSTEINBLOGGER.DE in Dresden. Die Touren- und Reportage-Website hat ihren Schwerpunkt im Elbsandsteingebirge, ist thematisch aber auch in anderen Ecken der Welt unterwegs. 2016 war das Magazin Medienpartner des Deutschen Wandertages und wurde 2017 in Innsbruck mit dem traditionsreichen BergWelten-Journalismuspreis ausgezeichnet.

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