Meine Eltern waren sehr wanderfreudig. So ist es kein Wunder, dass sie mich, geboren 1935, beizeiten mit auf ihre Touren nahmen, die natürlich auch in die Sächsische Schweiz führten. Die ersten Touren kenne ich nur aus ihren Erzählungen, aber ab 1941 setzt bei mir bruchstückenhaft die Erinnerung ein. So als wir vom Uttewalder Grund am Steinernen Tisch (damals eine beliebte Gaststätte) vorbei zur Bastei liefen. Ein steinerner Tisch! So etwas hatte ich noch nie gesehen. Ein Jahr darauf waren wir  für ein paar Tage in Strand (jetzt Ortsteil von Rathen). Dort beeindruckten mich die vielen Züge mit Kesselwagen (ich nannte sie „Benzinzüge“), die aus dem Hydrierwerk in Maltheuern bei Brüx (jetzt Záluží  bei Most) an die Ostfront rollten. Meine stärksten Erlebnisse hatte ich im Folgejahr, wo mein Vater eine Übernachtung in Herrnskretschen (jetzt Hřensko ) organisiseren konnte. Das Prebischtor (jetzt Pravcická brána) imponierte mich ungeheuer, aber auf dem anschließenden Gabrielensteig (jetzt Gabrielova stezka) nach Rainweise (jetzt Mezní louka) habe ich fast geweint; denn der Weg wollte kein Ende nehmen. Richtig gefürchtet habe ich mich dann vor der Übernachtung in einem alten Umgebindehaus (schon lange abgerissen), dessen Gebälk mit Karbolineum imprägniert war. Für mich war es „das schwarze Haus“, da konnten Geister drin sein. Irgendwie haben mich meine Eltern doch noch hineinbekommen; denn ich konnte ja nicht draußen nächtigen. Schließlich waren wir 1944 nochmal auf der Bastei. Es war sehr heiß, ich zog meine Schuhe aus, band sie mit den Schnürsenkeln zusammen, hängte sie ans Geländer und lief barfuß weiter. Nach einiger Zeit merkte ich, dass ich meine Schuhe vergessen hatte. Schnell zurück – Gott sei Dank, sie hingen noch da. Es wäre ein schmerzlicher Verlust gewesen; denn Schuhe gab es nur auf Bezugsschein.

Dann kam das Kriegsende und damit war erstmal Schluss mit Reisen und Wandern. Anderes war fürs Überleben wichtiger.

Mit zwei Schulausflügen ging es 1949 und 1950 wieder los. Auf einem LKW mit Holzbänken auf der Ladefläche wurden wir nach Königstein kutschiert. Sicher nicht bequehm, aber daran störte sich niemand. Wir waren ja nicht verwöhnt. Die Festung konnten wir damals aber nicht besichtigen; denn sie war ein Jugendwerkhof. Es gab aber noch den Pfaffenstein und andere Ziele in der Umgebung. Inzwischen war ich Lehrling geworden und 1952 stand der erste Urlaub ohne Eltern an. Mit dem Fahrrad von Großröhrsdorf, meinem Heimatort, über Radeberg, wo wir das Viermann-Zelt auf unsere Räder packten, zum Zeltplatz Rathen, direkt an der Elbe gelegen (gibt es schon lange nicht mehr). Wieso hatten wir in dieser Zeit ein Zelt? Als SAG-Betrieb war das Sachsenwerk privilegiert, hatte Zelte und andere Dinge, die man ausleihen konnte.

Acht Tage lagen vor uns, die wir mit Wandern, Radfahren und Baden in der Elbe verbrachten. Es war ein sehr heißer Sommer und der Strom führte extremes Niedrigwasser.

Als wir eine Dampferfahrt unternahmen, hörten wir scharrende Geräusche und der Dampfer ruckelte merklich. Ein Bootsmann erklärte uns, dass das von Grundberührung herrühre und es wahrscheinlich die letzte Fahrt sei. So war es auch, denn am nächsten Tag fuhr kein Schiff mehr. Wir aber hatten eine Idee. Warum nicht die Gelegenheit nutzen und einmal durch die Elbe laufen? Da wir alle schwimmen konnten, konnte nichts passsieren. Die glitschigen, teils auch scharfkantigen Steine auf dem Grunde machten uns jedoch zu schaffen. In der Strommitte, als wir brusttief im Wasser standen, riss mir die Strömung kurzzeitig die Beine weg. Für einen Nichtschwimmer hätte das gefährlich werden können.

In den folgenden Jahren gab es nicht eines, wo ich nicht einige Male in der Sächsischen Schweiz gewesen wäre… Anfangs mit gleichgesinnten Freunden, später mit Freundin und schließlich als Familie mit zwei Kindern. So allmählich haben wir dabei auch den letzten Winkel erkundet. In den späteren 60er Jahren kam dann auch noch die Böhmische Schweiz dazu. Auch jetzt, mit 82 Jahren, gehört mindestens eine Wanderung im Jahr in meine geliebte Felsenwelt zu meinem Leben. Sei es auch nur von Uttewalde durch den Grund zur Bastei oder zum Hohburkersdorfer Rundblick, um das herrliche Panorama zu genießen. Wir sollten uns glücklich schätzen, so eine wundervolle Landschaft vor unserer Haustür zu haben.

Zum Schluss noch etwas zum Schmunzeln. Als wir Anfang der 70er Jahre mit unserem Vierjährigen von Rathen nach Wehlen an der Elbe entlang liefen und aufgrund von Niedrigwasser viel Unrat sichtbar wurde, fragte ich ihn, was wohl geschehe, wenn alle Leute ihren Abfall in die Elbe würfen.

Seine Antwort: „Da verstopft ’se.“

 

Gastautor: Christian Müller

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