Der kleine Bach in Böhmen ist ein echter Verwandlungskünstler. Im Sommer macht er sich unsichtbar – im Frühling tritt er hervor und sorgt für so manchen Wirbel. Über einen Ort, wo zurzeit alles fließt.

Dass Landschaftsfotografen Wasser zwar nicht zu Wein aber in Milch verwandeln können, ist bekannt. Wo die Natur nicht mehr als einen kleinen durstigen Bach zustande gebracht hat, lassen sie mit allerlei dunklen Filtern und dunklen Künsten buchstäblich Milch und Honig fließen – schlaraffenartige Zustände, die zwar dem Ansehen der Landschaft und des Fotografen guttun, die es in Wirklichkeit aber gar nicht gibt.

Die Dürre Kamnitz in der Böhmischen Schweiz ist ein solches Gewässer aus dem Armenhaus der Natur und wäre somit ein Fall für die Trickkiste – zumindest in trockenen Sommern, wenn sie sich vor der Hitze unter die Steine zurückzieht und fast unsichtbar macht. Doch nach einem kräftigen Regenguss und im feuchtkühlen Frühjahr ändert sich ihr Wesen. Dann tritt sie wieder hervor, fließt zuerst träge, honiggolden und satt vom vielen Winterlaub durch tiefe Gumpen, kann aber schnell ungeduldig und quirlig wie ein kleines Kind werden, das nicht genügend Aufmerksamkeit bekommt. Dann schäumt und wütet die Kamnitz zwischen Steinen, zeigt allen ihr trotziges Milchgesicht und will vor allem eines – gesehen werden!

Und genau das verdient sie auch. Denn das Tal der Dürren Kamnitz (Suchá Kamenice), obwohl klein und wenig bekannt, gehört auf einigen Abschnitten zum Schönsten, was das Elbsandsteingebirge zu bieten hat. Und zurzeit ist sie ein Ort, wo alles fließt. Eine malerische, blockreiche Felsenschlucht mit kleinen, verwinkelten Wasserläufen und –fällen, Rinnsalen und Strudeltöpfen, moosgrünen Steinen, viel Bruch- und Totholz, Ranken, Farnen, Flechten und Kräutern. Und hier gibt es nicht nur Natur zu entdecken. Fundamentreste und Felsinschriften aus vergangenen Zeiten: die Grundsteine einer alten Mühle, eine in Stein gehauene Bank, uraltes Sandsteinpflaster – sogar ein alter Bunker aus den 1930er-Jahren. Eine urige Schlucht voller Erinnerungen. Kurz gesagt: wildromantisch. Genau aus diesem Grund möchte man andererseits fast dankbar dafür sein, dass sie so sehr im Schatten eines prominenten Verwandten steht. Ganz in der Nähe fließt nämlich der andere der beiden Kamnitzbäche durch die weithin berühmte Edmundsklamm und stiehlt seiner kleinen Schwester jahrein, jahraus touristisch die Show.

Der Weg durch dieses heimliche Paradies beginnt direkt am Ortsausgang von Hřensko (Herrnskretschen) Richtung Decin (Tetschen) an der Fernverkehrsstraße. Dort, nur wenige Schritte hinter dem letzten Haus, steigt links ein mit rotem Strich markierter Wanderweg ins Seitental der Dürren Kamnitz hinauf. An den Felsen linker Hand gibt´s gleich eine sportliche Rarität zu entdecken: Dort hat der Extremkletterer Jindrich Hudecek, Inhaber der tschechischen Outdoorkette Hudy Sport, in den späten 1980er-Jahren die erste künstliche Übungswand im Elbsandsteingebirge eingerichtet. Die Griffe sind teils in den Fels gehackt, teils mit Epoxidharz und Sand modelliert und angeschraubt, einige sogar aus Holzleisten gefertigt. Im Frühjahr sieht man hier die ersten Kletterer.

Kurz darauf verschwindet der Weg zwischen steilen Wänden. Dort wird´s holprig, kühl und feucht. Die Kamnitz schießt aus dem Tal wie aus einem Kellerloch hervor, als sei sie vor dunklen Geheimnissen auf der Flucht. Ihr lautes Rauschen spornt einen einsamen Zaunkönig zum Widerspruch gegen die Ruhestörung an, doch er muss sich dem Wasser bald geschlagen geben. Die Zeit zum Lauschen sollte man sich hier unbedingt nehmen – auch zum Fotografieren. Die Schlucht ist der schönste Abschnitt auf der gesamten 13-Kilometer-Runde. Nur zu schnell hat man sie hinter sich gelassen. Die rote Markierung biegt bald Richtung Labská Stráň (Elbleiten) rechts weg, wir aber müssen mit dem blauen Strich talaufwärts nach Arnoltice (Arnsdorf) und dann weiter ins benachbarte Jonsdorf (Janov). Zwischen beiden Orten geht´s dort mal ein, zwei Kilometer eintönig auf der Straße lang. Die einzige Durststrecke der ansonsten entspannten und abwechslungsreichen Tour. Aber dafür findet man in böhmischen Dörfern auch fast immer ein wirksames Mittel gegen Durst. Von Jonsdorf führt später in nordwestlicher Richtung ein gelb markierter Wanderweg wieder recht hübsch über Felder und durch den Wald zurück nach Hřensko.

Die Gedanken sind vorausgeeilt – noch sind wir an der Dürren Kamnitz. In wenigen Wochen wird sie ihre nächste Metamorphose erleben. Wenn am Grund der Schlucht überall Klee und Buschwindröschen blühen. Dann verirren sich auch mal ein paar Frühlingsspaziergänger hierher. Und bald darauf wird wieder Ruhe herrschen. Wenn der Sommer kommt und das Tal austrocknet. So manches kleine Feuchtbiotop wird dann zu Staub, aus lustigen Gumpen werden kleine Teiche, dann Pfützen – dann nichts. Und dann verstummt auch der Bach.

Kurzbeschreibung:

Eine stille, entspannte Frühlingswanderung durchs Tal der Dürren Kamnitz, der kleinen Schwester der berühmten Edmundsklamm. Nach üppigen Niederschlägen oder der Schneeschmelze verwandelt sich die oftmals trockene Schlucht in eine grüne Bach-Oase, mit kleinen Kaskaden, Gumpen und Tümpeln. Der rot markierte Wanderweg beginnt linker Hand am Ortsausgang von Hrensko (Richtung Decin) und führt über vier Kilometer wildromantisch und abwechslungsreich den Bachgrund nach Arnoltice hinauf. Im oberen Abschnitt kurz Obacht: Hier geht´s mit blauer Markierung geradeaus weiter, während der rote Strich rechts nach Labská Stráň (Elbleiten) abbiegt. Im Dorf wandert man geradewegs auf die Kirche zu, dann an der Kreuzung (Kneipe!) links Richtung Janov (Jonsdorf) die Straße weiter. In Janov am Ortsende links halten und mit der gelben Markierung vorbei am Löschteich zum Dorf hinaus. Auf sonnigen Feldwegen geht´s einen guten Kilometer parallel zur Südflanke des Elbsandsteingebirges mit herrlichem Blick zum Prebischtor zurück in den Wald und dann entspannt bergab nach Hrensko. Die Aussicht kurz vorm Treppenabstieg zum Ort ist ein beliebter Fotopunkt. Die 13-Kilometer-Runde dauert etwa vier Stunden.

  • Distanz ca. 13 Kilometer
  • 316 Höhenmeter
  • Wanderzeit insgesamt rund 4 h (ohne Rast)
  • Charakter: Stille Rundtour durch eine der schönsten Schluchten des Elbsandsteingebirges, später gemütlich über böhmische Dörfer und Felder zum Ausgangspunkt zurück.
  • Einkehrmöglichkeiten: diverse Kneipen in Hrensko, unterwegs ebenso in Arnoltice und Janov.
  • Mit dem Auto: B172 nach Bad Schandau und dann weiter nach Hrensko. Parken in Hrensko ist auf der Elbseite kostenlos. Wer´s noch bequemer haben will: Direkt am Beginn des Wanderwegs gibt´s auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen kleinen Dreckplatz, wo man sein Auto unbewacht abstellen kann.
  • ÖPNV:  S-Bahn nach Schöna, dann mit der Fähre übersetzen nach Hrensko. Fahrplaninfos: www.vvo-online.de

Weiterführende Tipps, Karte und Route zum Download: www.sandsteinblogger.de

Zum Autor

Hartmut Landgraf lebt und arbeitet als freier Journalist, Texter und Herausgeber des Online-Magazins SANDSTEINBLOGGER.DE in Dresden. Die Touren- und Reportage-Website hat ihren Schwerpunkt im Elbsandsteingebirge, ist thematisch aber auch in anderen Ecken der Welt unterwegs. 2016 war das Magazin Medienpartner des Deutschen Wandertages und wurde 2017 in Innsbruck mit dem traditionsreichen BergWelten-Journalismuspreis ausgezeichnet.

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